Durch die Darién Gap
Eine unruhige Fahrt

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Ich habe gleich nach dem Auslaufen eine Pille gegen Seekrankheit geschluckt und meine Liegematte auf den Rohren ausgelegt. Eigentlich verwunderlich, dass die übrigen Passagiere nicht auf den Regen vorbereitet sind. Es dürfte doch allen zu gut bekannt sein, dass es in wenigen Stunden aus allen Himmelsrohren schütten wird. Nun, was soll's, kann mir doch so lang wie breit sein.

Die verschiedenen vorausgesehenen Wolkenbrüche beeindrucken mich nicht sonderlich, obwohl auch mir der Regen ins Gesicht und auf die Liegematte plätschert.

Am Morgen erwache ich früh. Unter meinem Regenschutz hat sich Kondenswasser gebildet. Land auf beiden Seiten! Inseln auf der rechten Seite, ein dunkelgrüner, unregelmässig hoher Waldstreifen links. Trotzdem ist das Meer bewegt und ich schlucke zur Sicherheit noch einmal eine Tablette. In einiger Entfernung segeln drei Pelikane gekonnt knapp über den Wellen, ab und zu nach Fischen schnappend.

Der Himmel zeigt alle möglichen Farben und Stimmungen, schwarze Wolken, graue Horizonte, stahlblaue Flecken direkt über uns. Das Meer, blau braun grau, eine Farbe, die in mir die Lust nach Baden gar nicht erst aufsteigen lässt, schlägt seine Wellen schäumend gegen den Kiel. Die Passagiere sind allesamt nass, ihre Hemden dunkel vom Wasser und die Gesichter der Männer zeigen erste Stoppeln. Alle scheinen merklich mitgenommen von der Reise. Leere Bierbüchsen liegen auf Deck verstreut. Ein pechschwarzer Matrose, wohl keine 18 Jahre alt, füllt einen alten rostigen Kühlschrank, der zu einer Truhe umgewandelt wurde und mit Eisbarren gefüllt seinen Dienst energiesparender verrichtet, mit roten und braunen Flaschen.

Am meisten mitgenommen scheint die sechsköpfige Familie. Die Mutter vor dem Deckaufbau auf einem wackligen mitgebrachten Stuhl, ihren Kopf mit dem zerzausten Haar gleichgültig zur Seite gelegt und teilnahmslos eine schleimige weisse Masse erbrechend. Auf ihren Knien hält sie den Kleinsten, der nur gerade lumpige kurze Höschen trägt und zu meinem Erstaunen Ekel erregend schon zum zweiten Mal über die Mutter pisst, die ihn dazu einfach leicht in die Höhe streckt und ihm ein Hosenbein offen hält. An ihre Beine klammert sich eine Tochter; grosse, dunkle Augen und strähnige Haare; ihr fehlt die Möglichkeit, schön zu sein. In ihrem Gesicht steht Verzweiflung, denn es ist ihr hundeübel. Sie kotzt andauernd und presst dabei die Unterschenkel ihrer Mutter bei jedem Stoss Hilfe suchend an sich. Zwei weitere Kinder liegen auf der Plane, die den Laderaum deckte, unter einem durchnässten Karton und zwei aufgerissenen Plastiksäcken. Der älteste Sohn kümmert sich um die pausenlos krähenden, struppigen Hähne, die er mit einer Schnur an ein Plastikrohr gebunden hat. Dieser Sohn schielt dermassen, dass er mit einem Auge zum Himmel blickt, mit dem andern die Hölle inspiziert und dadurch alles irdische verpasst.

Liebevoll rüstet mittlerweile ein anderer Passagier mit breitem Panamahut seine Pfeife. Sorgfältig zerkleinert er die Tabakblätter mit einem scharfen Messer und steckt dieses, sorgsam in Papier gewickelt, zurück in seine Hosentasche. Wie immer ich auch versuche, die Stimmung auf diesem Boot wiederzugeben, die salzige Feuchtigkeit, die uns seit Panama umgibt, fehlt.

Das Morgenessen besteht aus einem 3 cm2 grossen Stück gebratenem Fleischkäse, vier Stück schwammigem Bimbo Brot und einer halben Tasse Kaffee. Das Mittagessen aus einem Ei. - weder Spiegel- noch Rührei- nein, etwas noch nie Dagewesenem, unbeschreiblichem, und - wie könnte es auch anders sein - , aus vier Stück Bimbo Brot. Vorgesehen allerdings war Fleisch und Reis, doch der Koch mag ein mittelmässiger Eierbrater sein, aber von Ein- und Verteilen hat er auch nicht die leiseste Ahnung.

Aus den vorgesehenen 12 Stunden sind unterdessen 26 Stunden geworden.

In La Palma legen wir an, Passagiere gehen von Bord und Waren werden gelöscht. Wir zwei Gringos müssen uns bei der Guardia Nacional einschreiben. Ein Gardist begleitet uns. Ein in Uniform gesteckter Knabe untersucht unsere Pässe und blättert vergebens nach einem Visa. Ohne Visa könne man die Grenze nicht passieren, meint er und blättert erneut in unserem roten Büchlein. Nach einiger Zeit kommt ein mit drei Winkeln verzierter älterer Soldat oder Gardist, setzt sich seine dunkle Hornbrille auf seine knollige Nase und versucht ebenfalls die Pässe zu lesen. Seinem Mund entnehmen wir ein murmeliges "Momentito", während er mit den Pässen ins Hinterstübchen verschwindet. Dann endlich kommt er zurück und beginnt unsere Personalien in ein riesiges Buch einzutragen. - Buchstabe um Buchstabe. Die Luft ist heiss, das Wetter durstig. Auf einmal streckt er uns die Pässe entgegen und schon sind wir wieder unterwegs zum Boot jedoch nicht bevor wir uns noch nach etwas Trinkbarem umgesehen haben.

Die Flut kommt hier in La Palma in einem unheimlichen Tempo und schwemmt Unmengen Treibholz mit sich. Bei unserer Ankunft konnten wir nicht am Pier anlegen, sondern wurden mit kleinen Booten an Land gebracht. Während den letzten drei Stunden ist der Wasserspiegel um sage und schreibe 3 Meter gestiegen.

Eine Regenwand hüllt die fernen Inseln in einen weissgrauen Schleier der sich gespenstisch nähert und wohl in wenigen Minuten das kaum hundert Häuser zählende La Palma einwickeln wird. "Das Wasser kommt!" sagen die Einheimischen. Und ob! Bindfäden regnet es. Rundherum erscheint alles weiss. Die Passagiere drängen sich unter das kleine Vordach des Bootes. Nach vier Stunden Aufenthalt ertönt das inzwischen bestbekannte Knattern des Motors und mit der Flut tuckern wir, in einen Fluss einbiegend, Richtung Santa Fe, von wo aus Fredi und ich beabsichtigen, auf der Strasse nach EI Real zu gelangen. Der Fluss wird immer enger; Dschungel Sumpf und Lianen scheinen nach unserem Boot zu greifen. Jeden Augenblick wird der Fluss zu schmal werden.

In der Zwischenzeit ist es dunkel geworden. In einiger Entfernung leuchtet plötzlich ein warmes Petrollicht auf - Santa Fe. Ich frage einen Passagier, der schon seit Panama einen Helm auf seinem Kopf trägt, ob es in Santa Fe so etwas wie eine Pension gebe. Er lächelt nur und erzählt mir mit wenigen aber einleuchtenden Worten, was dies hier für ein Nest sei. Im gleichen Atemzug offeriert er uns, bei ihm abzusteigen. Er habe nichts grossartiges, aber ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen sei wohl im Augenblick das Wichtigste.

 

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Copywrite © 2004 Chris Forster