Durch die Darién Gap
Santa Fe

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Der Kapitän steuert seinen Kahn dicht ans Ufer heran. Zwei Lastwagen stehen bereit und im fahlen Schein der Öllaterne beginnt emsiges Treiben. Leute rutschen auf dem nassen, lehmigen Boden umher und werfen einander Säcke zu, die dann aber meist im Schlamm landen.

Schliesslich steigen wir mit etwa zwanzig anderen Personen auf die Brücke des einen Lastwagens, der dann auf einer holprigen Strasse durch den Regen in die Nacht hinein fährt. Im Scheinwerferlicht kann ich nur mit viel Mühe Dinge erkennen; mal eine Bambushütte am Wegrand, dann wieder Bananensträucher und Busch. Dann klopft der Behelmte auf das Dach der Fahrerkabine, der Laster hält an und wir steigen ab. Erneut fliegen Säcke in den Schlamm und zu guter letzt werden noch zwei Stühle ausgeladen. Ein Brummen und Knattern und der Lastwagen verschwindet im Regen. Wenige fahle Lichter zeigen an, dass wir hier wohl in so etwas wie einem Dorf sind. Erkennen kann ich gar nichts. Wo immer ich hin stehe, versinke ich knöcheltief in Lehm und Schlamm. Meine Augen haben sich an Dunkelheit gewöhnt und die Silhouette einer Hütte zeichnet sich ab. Ich hasse es, nachts irgendwo anzukommen. Ich fühle mich jeweils so verloren, beinahe hilflos. Jetzt hat der Behelmte eine Kerze gefunden und allmählich erkenne ich die Umgebung. Bald brennt auch schon ein Feuer. Einem riesigen Fass, das direkt unter der Dachtraufe steht, entnimmt unser Gastgeber Wasser und bereitet einen Tee zu, nachdem er gleich neben der Hütte eine handvoll Zitronenkraut dafür abgerissen hat. Bei diesem wärmenden Zitronenkraut Tee sollten wir dann auch endlich mehr über unseren Gastgeber erfahren:

Gonzales ist Tierarzt und Vertreter des Dorfes Santa Fe bei der Regierung in Panama. Er besitzt ein Haus in der Kanalzone und kann dank seinen Verbindungen dort billiger einkaufen. Er scheint das ganze Dorf mit allem erdenklichen Kram zu versorgen. So schleppt er Taschenlampen, Munition, Zigaretten und Medikamente durch den Dschungel.

Seine Hütte ist in zwei Räume aufgeteilt. In einem Raum stehen drei Betten, die zu unserem Erstaunen auch noch sehr bequem sind. Jedenfalls geht es nicht lange, und wir verfallen in einen tiefen, wohlverdienten Schlaf.

Am nächsten Morgen hüllt leichter Nebel die Landschaft ein und weckt mir Erinnerungen an triste, Schweizer Novembertage. Nur ist es hier warm, dass man es selbst ohne Hemd angenehm aushalten kann. Fredi bleibt bei der Hütte, während ich mit Gonzales zum Fluss gehe um seine restliche Fracht zu löschen. Noch immer ist die Strasse schlammig. An meinen Schuhen kleben Lehm und Dreck wie angeleimt. Ich denke an die bevorstehenden Tage im Dschungel, meinen immer noch schweren Rucksack, meine unförmige, gleichzeitig aber auch unentbehrliche Gitarre, meine . . . Nach 10 Minuten Marsch holt mich ein anhaltender Lastwagen aus meinen Träumen. Wir klettern auf die Brücke und fahren zum Anlegeplatz.

Emsiges Treiben um und auf dem Schiff. Gonzales' Fracht ist weit unten verstaut und so bleibt uns Zeit, eine unweit vom Ankerplatz wohnende Indiofamilie zu besuchen.

Auf langen Stelzen stehen die zwei mit Blättern bedeckten Hütten. Teils mit Brettern, teils mit losen Stämmen wurden Wände und Böden gezimmert. Wackelige, mit geflochtenem Hanf zusammengehaltene Leitern führen in den universal Wohn- , Schlaf- und Kochraum. Hühner sitzen auf einem Brett, das meist als Tisch dient. Kleine Kinder spielen in einer Ecke. Ein alter Mann stolpert uns entgegen. Er ist krank, man sieht es ihm von Weitem an. Ein kräftiger, strammer Indianer tritt uns entgegen und schüttelt Gonzales die Hand. Die Konversation dreht sich um einen Hund. Soviel kann ich verstehen, dann aber muss ich passen. Ein jüngerer Sohn bringt einen lahmenden Hund. Einige Runzeln auf Gonzales' Stirn lassen nichts Gutes vermuten. Der Hund bekommt eine Spritze, doch muss ich dem Gesicht des Arztes entnehmen, dass er nicht sehr zuversichtlich ist.

Der kranke Alte will nicht zum Arzt. Er hofft, sich mit Fiebertabletten wieder auf den Damm bringen zu können, worauf ich ihm einige aus meiner Reiseapotheke gebe, wohl wissend, dass dies eine schlechte Lösung des Problems ist.

Inzwischen haben die Matrosen auch unsere Fracht gelöscht und mit einem langen sehr flachkieligen Einbaum - die Einheimischen nennen es Piragua, -stachelt uns der stämmige Indio flussaufwärts zur Hütte zurück.

Gestern hat Gonzales ein grosses Stück Fleisch in lange Streifen geschnitten und gesalzen. Heute wäscht er die Stücke mit Essigwasser lässt sie über den intensiven Rauch des Feuers hängend, langsam trocknen. Immer wenn wir Fleisch wollen, hackt er einen Streifen in kleine Stücke und nach langem kochen in einer Suppe schmecken die Brocken jeweils recht gut.

Immer wieder tauchen Freunde auf, um sich die von Gonzales besorgten Waren abzuholen. Mit grossem Interesse hören sie sich dabei unsere Reisepläne an und geben gleich auch ihre entsprechenden Tipps und Warnungen ab. Ja - eigentlich raten uns alle ab, diese Reise überhaupt anzutreten. Ein Nachbar erzählt von 3 Missionaren, die vor drei Jahren loszogen - sie kehrten nie zurück!

"Tiere sind keine grosse Gefahr", meint er mit sicherer Stimme, wohl wimmelt es in diesen endlosen Wäldern von Giftspinnen, Jaguaren, Riesen- und Giftschlangen, aber die grösste Gefahr bilden die unberechenbaren Einheimischen auf der kolumbianischen Seite. Die Seite von Panama ist gut kontrolliert. Den letzten Posten der Guardia haben wir 6 Schiffstunden vor Ankunft in diesem verlassenen Dorf passiert, und noch sind es mehrere Tage bis zur Grenze. Es soll da eine Art Leute geben, die klassieren alles was aus Panama kommt, als potenziell reich, egal ob Gringo, Schwarze oder Indio, ja selbst einheimische Kolumbianer!“ Mich beschäftigt an all diesen Warnungen eigentlich nur die Tatsache, dass sie sich alle decken, was in diesen Ländern erfahrungsgemäss äusserst selten vorkommt.

Wir werden morgen jedenfalls wieder nach La Palma zurückfahren und dort in ein Boot nach Yavisa oder EI Real umsteigen, denn die Strasse von Santa Fe nach El Real ist momentan unpassierbar, was bei diesen andauernden Regengüssen ja absolut nicht verwunderlich ist. Zudem sprechen die Einheimischen von 50 Kilometern Strasse bis Candon und noch einmal 30 km Urwaldpfad bis EI Real. Bei guten Verhältnissen, ohne Gepäck, 3 Tage Marsch. Eine Karte mit eingezeichneten Strassen oder gar Pfaden gibt es nicht. Das Ganze schien uns etwas zu unsicher.

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Die Hütte von Gonzales

Die Hütte von Gonzales ist einfach aber gemütlich.

 

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Copywrite © 2004 Chris Forster