Durch die Darién Gap

Ein kleiner Rückzieher

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Es verstreicht ein weiterer Tag. Abermals werden uns Gangstergeschichten aufgetischt. Am späteren Nachmittag packen wir unsere Rucksäcke, was wir inzwischen nicht an Gonzales verschenkt haben. Am Landeplatz liegt derselbe Kahn, jetzt aber gerammelt voll mit Holz. Nur - wie könnte es auch anders sein das Boot liegt auf dem Trockenen. Doch der Kapitän ist zuversichtlich: "Viene l'agua", meint er gelassen, seinen Blick an den Horizont werfend. Und ob das Wasser kommt! Von allen drei Seiten! Die Flut steigt im gewohnt raschen Tempo und der Fluss schwillt in wenigen Minuten ganz beträchtlich an. Aber auch von oben kommt reichlich Unterstützung: Der bisher stärkste Regen während meinem irdischen Dasein beschüttet unsere Körper. Dies etwa nicht nur während weniger Minuten – nein - es scheint nicht mehr aufzuhören. Bald schon schwimmt der Kahn. Erneut bedenklich tief im Wasser liegend, laufen wir nach einem komplizierten Wendemanöver aus in Richtung La Palma. Aus den vorausgesagten 1½ Stunden werden 3 Stunden, was uns schon lange nicht mehr erstaunt. Natürlich wartet bereits ein wackerer Gardist am Pier. Er führt uns zu einer Pension. Für ein dreckiges, schmuddeliges Zimmer mit 2 Pritschen verlangt die schwarze Inhaberin 13 Dollars pro Tag, ein für dieses Dorf total überrissener Preis. Selbst der einheimische Guardia zeigt sich erstaunt ob diesem Wucher und bringt uns zur Polizeikaserne. Nach einigem Hin und Her mit seinem Vorgesetzten begleitet er uns zu einer offenen Strohhütte, dem Theoriesaal der Anlage. Wir dürfen hier getrost unsere Hängematten anbringen. Das ganze Dorf weiss schon nach kurzer Zeit, dass zwei Gringos nach EI Real wollen. Wir sind überzeugt, dass sich mindestens einer melden wird, sobald ein Schiff ins Sicht kommt, zumal diese ja alle auf dem Büro der Guardia eingetragen werden müssen. Ein ganzer Tag vergeht mit Warten. Wohl laufen 5 Boote in unregelmässigen Abständen nach Panama aus, aber keines fährt nach EI Real. Ich fühle mich wieder hundemies, wie vor Tagen in Panama City. Es. ein lustloses Warten. Der Himmel bewölkt, dann wieder sonnig, kurz darauf Regen in Strömen. Die Leute schwarz, braun, halb- halb, einige Indios. Die Strasse ist schmutzig. Verstunken das Meer, das alles mögliche und unmögliche anschwemmt. Die Häuser auf langen Stelzen bei Flut über dem Wasser, bei Ebbe über dem Schwemmdreck. Kurz - nichts für Gesundheitsfanatiker. In der Pension gibt es zu ganz bestimmten Zeiten ein lausiges Essen zu einem noch unverschämteren Preis als die Unterkunft. Direkt ein Glück dass mein Appetit, bedingt durch meinen Gesundheitszustand und der uns umgebenden Umwelt sehr bescheiden ausfällt. Erneut raten uns 2 Kolumbianer von der Reise ab und zeichnen uns eine Alternativroute auf. Wir beschliessen, den Tag zum offiziellen "Sextag" zu ernennen: "Just another fucking day".

Nach zwei weiteren Tagen kommen dann gleich zwei Schiffe in Sicht. Bord der Jaime Adrian tuckern wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit flussaufwärts. Schon nach einer knappen Stunde legen wir bei einem kleinen Dorf mit Namen Almirante an. Um uns herum ist alles dunkel. Nur fahle Lichter von wenigen Öllampen beleuchten die Strohhütten am Ufer und werfen unheimliche Schatten. Wir ankern etwa 20 m vom Land entfernt. Mit wackeligen Einbaums nähern sich Einheimische beinahe lautlos unserem Boot. Der Regen hat inzwischen etwas nachgelassen.

 

Ein Matrose macht sich an den sechs auf Deck stehenden Pferden zu schaffen. Nun beginnt ein Schauspiel das seinesgleichen sucht. Die Pferde werden auf eine mir bis anhin unbekannte Art abgeladen, das heisst eigentlich einfach über Bord geworfen. Dies geschieht folgendermassen: Das Pferd wird an die Bordwand geführt, wo man ihm ein langes Seil um den Hals bindet. Das andere Ende wird einem im Kanu wartenden Indio zugeworfen. Während nun ein Matrose das Pferd am Kopf festhält, zieht ein anderer am Schwanz. Ein Dritter führt ein langes Brett unter dem Bauch des Pferdes durch auf die Bordwand. Mit einem kräftigen Hau-Ruck stemmt jetzt der dritte Mann das Pferd über Bord.

auf's Bild klicken zum VergrössernEine wahrhaft spezielle Art, Pferde auszuladen

Das letzte Hau-Ruck. Der Gaul wird in Sekundenbruchteilen den Flug ins Wasser antreten.

Ein letztes Hau-Ruck hievt den Anker - und weiter geht’s. Ich liege auf Deck und bewundere die Sterne. Schon lange habe ich kein so strahlendes Firmament mehr gesehen.

Ich bringe einige Zeilen für ein neues Lied zu Papier:

 
When I was fourteen years of age
I kept an animal in a cage.
It made us laugh to watch it struggle
Trying to get out.
I swear by god I did not know
what it was all about.

 It could not jump nor run nor hide,
for hours on end laid on its side
Gathering strength for another rage
That'd get it out of this bleeding cage

And now I 'm old and weak, I've paid my dues,
Have loved, - know hate and heard the blues,
Been standing in the sun, felt raindrops on my burdened back,
Stood strong, broke down and limped along my own life's track.

Another cage has turned me blind,
has taken care of my restless mind.
For days on end it makes me shout
"I hope my Lord, that you do know what this is all about!".

Wir treffen auf dem Schiff drei weitere Abenteurer: Einen Amerikaner. einen Holländer und einen Kanadier. Aus den vorangeschlagenen 4 Stunden bis nach El Real werden . . . zehn. Um 4 Uhr morgens ankern wir bei Boca El Real, nur unweit vom eigentlichen Dorf entfernt. Das Boot, welches die Fracht abholen sollte, ist noch nicht eingetroffen. In unseren mexikanischen Hängematten liegend warten wir auf eine weitere Transportmöglichkeit. Es ist feucht, doch regnet es momentan nicht. Nur vereinzelte Moskitos plagen mich mit ihrem penetranten Summen ums Ohr. Bei Morgengrauen sieht alles schon besser aus. Ein kleiner Laden und einige Hütten lassen vermuten, dass hier oft Waren umgeschlagen werden. Bald auch finden wir ein Boot, oder besser gesagt ein Kanu, das uns nach Boca de Cupe bringen wird. Kurz nach Mittag beginnt die Fahrt. Von einer Hütte zur nächsten . Überall legen wir an und laden Waren aus. Die Sonne brennt heiss und Durst meldet sich bei uns allen. Es hätte hier einen riesigen Fluss, doch obwohl die Einheimischen pausenlos daraus trinken, kommt mir diese braune, schaumige Brühe recht suspekt vor und ich kann mich nur mit Mühe enthalten. Eine schwarze Regenwand nähert sich uns in raschem Tempo. Es vergehen nur wenige Minuten, und der strahlend blaue Himmel hat sich in eine drohende Gewitterfront verwandelt. Wir schützen uns so gut es eben geht mit unseren Regenponchos.

Die Tropfen sind gross und kühlen die Luft im Nu ab. Zusammen mit dem Fahrtwind wird uns sogar empfindlich kalt. Eigenartig, noch vor wenigen Minuten haben wir uns nach etwas Kühlem gesehnt. Wir sind völlig durchnässt, als das Boot an einem steilen Ufer anlegt. Endlich können wir uns bewegen; das wärmt unsere Körper.

Um Zeit zu sparen, verlassen wir das Kanu und legen die letzte Strecke nach Boca de Cupe zu Fuss zurück. Wir werden zu Fuss die letzte Flussschleife abkürzen, denn das Boot würde von hier bis nach Boca de Cupe noch mehr als eine Stunde benötigen.

Wir schaffen es dank dieser Abkürzung in 10 Minuten. Ein pechschwarzer Junge, keine 10 Jahre alt, fährt uns ein letztes Mal über den Fluss.

auf's Bild klicken zum Vergrössernheftiger Regen überrascht uns auf der Fahrt nach Boca de Cupe

Auf der Fahrt nach Boca de Cupe schützen wir uns unter Planen, die einen Teil der Ladung bedecken. Nur der Bootsführer spielt den harten Mann.
 

auf's Bild klicken zum Vergrössern10 Minuten Fussmarsch erspar eine Stunde im Boot

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Copywrite © 2004 Chris Forster