Durch die Darién Gap
Boca de Cupe

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In Boca de Cupe leben gegen 400 Leute. Fahrzeuge gibt es keine, mit Ausnahme eines verrosteten Velos, das in der Nähe eines zerfallen, leer stehenden Hauses liegt. Die Frontstrasse, die sich dem Fluss entlang zieht, ist belebt. Die Häuser stehen auf meterhohen Stelzen. Zwei Beizen, einige Läden und in einem davon die „Migración“. In der Ferne tuckert ein Generator und übertönt die scherblige Musik, welche aus der Bar am unteren Ende der Strasse dröhnt. Wir sind augenblicklich die Dorfattraktion. Ein Schwarm Kinder sollte von nun an pausenlos um uns herum schwirren. Einige versuchen, uns zu berühren. Zumal kommen wir uns vor wie Affen. Ein Schwarzer mit riesigem Schlapphut bietet seine Dienste an und wird uns ein Dach über unsere Köpfe besorgen. Er bringt uns zum halbfertigen Centro de Salud.

Den Rest des Abends verbringen wir mit dem Organisieren eines Kanus nach Pucuro oder Paya. Kein leichtes Unterfangen, denn nicht alle Leute scheinen von uns Gringos so begeistert zu sein wie die vielen Kinder. Sie lassen es uns dann auch spüren. In einer Bar wollte ich Bier kaufen, nachdem ich festgestellt hatte, dass alle Einheimischen auch Bier tranken. Der Dicke hinter der Theke musterte mich von oben bis unten, drehte sich demonstrativ ab und brummelte: „No hay“ was soviel bedeutet wie „hat’s nicht“.

Überall stossen wir auf Schwierigkeiten und es scheint, als wolle man uns in diesem Dorf kaputt machen. Der weisse Missionar aus einem benachbarten Dorf findet das Verhalten der Einheimischen ebenfalls eigenartig. Er gibt uns Angaben über die gebräuchlichsten Preise, was uns bei den künftigen Verhandlungen entsprechend weiterhelfen wird. Auch das Ringen um das Boot scheint kein Ende zu nehmen. Obwohl wir uns mit einem Alten bereits auf einen Preis geeinigt hatten, fordert er plötzlich 10 Dollars mehr, was uns natürlich stocksauer macht. Wir sind nicht bereit diese reaktionären Stösse dieser Einheimischen zu absorbieren und bleiben hart. Im Gegenteil, wir beharren auf dem Transportpreis, der uns aus dem Gespräch mit dem Missionar bekannt ist.

Aber auch in den Läden haben wir Probleme. Bei einem Chinesen wollen wir die nötigen Vorräte für die kommenden Tage besorgen, doch meint er, sein Laden sei jetzt geschlossen. Noch stehen aber Frauen in diesem Laden und kaufen munter ein. Es wäre falsch, gleich alle zu verurteilen. Es leben auch sehr freundliche Leute hier. Ein kleines Mädchen hat uns frische Früchte in Hülle und Fülle geschenkt und die vielen Frauen werfen uns freundliche Blicke zu. Ist dies vielleicht der Grund für die unfreundliche Behandlung in diesem Dorf?

Wir sitzen beim Fluss und warten auf Transportangebote. Einige haben bereits realisiert, dass wir uns nicht einfach ausnehmen lassen wollen. Das Warten zahlt sich bald aus. Zwei junge, kräftige Schwarze werden uns mit all unserem Gepäck morgen früh nach Pucuro bringen. Und jetzt auf einmal regnet es Angebote. Jetzt wollen auf einmal alle das Geschäft mit den Gringos machen. Sie setzen dabei alle möglichen und unmöglichen Tricks ein. Einer erzählt von seiner hübschen Tochter, während der nächste meint, er könne einen Teil der Strecke mit Motor zurücklegen, was uns entsprechend Zeit sparen würde. Plötzlich werden wir überall freundlich behandelt, und das Interesse an den Rucksack- Gringos wächst. Schaulustige umringen mich, wie die ersten Töne aus meiner Gitarre erklingen. Immer mehr drängen sich zu. Alle sind gesprächig und offen. Nur ein Problem bleibt da noch. Wir brauchen die Stempel der "Migración“ in unseren Pässen. Eigentlich kein echtes Problem, wäre der verantwortliche Ladenbesitzer zur Zeit nicht stockbesoffen in einer Bar, weit weg von seinem Stempel. Erst am späten Abend gelingt es uns, die Dokumente in Ordnung zu bringen. Dem Holländer allerdings will er Pass nicht stempeln. Er verweigert ihm den Stempel schlichtweg. Was nun? Wir versuchen alles. Zahlen ihm weitere Getränke in der Bar, in der wir jetzt auch anstandslos Bier bekommen. Es nützt alles nichts, er will nun einmal nicht mit seinem Stempel herausrücken. Schliesslich wird es dem Holländer zu dumm. Er marschiert geradewegs in den Laden des Beamten und sucht hinter dem Ladentisch nach dem Stempel, den er auch prompt findet. Mit grossen Augen und offenem Mund schaut die Frau des Beamten zu, wie sich dieser Gringo den Stempel fluchend in seinen Pass drückt. Nun sind wir bereit, die Weiterreise anzutreten.

Natürlich können wir nicht bei Tagesanbruch aufbrechen. Hätte es mir eigentlich denken können. Der Ami brachte es nicht fertig, alle seine sieben Sachen rechtzeitig in seinen Rucksack zu verstauen. Nun, man muss ihm zugute halten, dass es eigentlich mehr als nur gerade sieben Sachen waren, die dieser gute Mensch aus Illinois packen musste, und wahrscheinlich hat es auch aus diesem Grunde nicht geklappt. Was sich der wohl unter einer Dschungeldurchquerung vorstellt? Glücklicherweise nicht mein Problem, oder etwa doch? Fredi und ich beschliessen auf jeden Fall, die Reise zu Fuss in eigener und vor allem unabhängiger Regie zu unternehmen. Wie könnten wir auch mit einem solchen Phlegma, wie dieser 1,95m lange Amerikaner eines zu sein scheint, gleiche Ideale verwirklichen? Er zeigt sich erstaunt darüber, dass das Boot, respektive der Einbaum neben dem Gepäck und den übrigen Touristen, eine stattliche Anzahl Liter Wasser beinhaltet. Sein Rucksack ist bleischwer. Endlich können wir losfahren. Die zwei Schwarzen staken den voll gestopften Einbaum flussaufwärts.

Es geht langsam vorwärts, und die vielen Stromschnellen geben uns zu schaffen. Der Schweiss perlt auf den pechschwarzen Rücken der Flösser, während ihre langen Stangen tief in die braunen Fluten sinken.

Oft müssen wir aussteigen und die Schnellen zu Fuss durchwaten.

Der Fluss ist manchmal sogar nur noch knöcheltief. Immer enger und schneller wird der Fluss. Die Stangen biegen sich ungeheuerlich unter dem Druck. Die Sonne scheint heiss. Trotzdem sind wir und unsere Rucksäcke tropfnass. Die Reise ist unbequem bis ins letzte Detail. Um 14. 00 Uhr erreichen wir eine gute Anlegestelle von wo aus ein unscheinbarer Weg ins Dickicht führt. Wir verabschieden die zwei Begleiter, nachdem sie uns überzeugt hatten, dass wir von hier aus in etwa 10 Minuten unser Tagesziel Pucuro erreichen würden. Nach 30 Minuten zügigem Marsch deuten Bananenplantagen darauf hin, dass dieses Gebiet bebaut wird und bald schon treffen wir auf ein kleines Dorf.

Kein Mensch ist zu sehen, keine Tiere, kein Rauch, nichts. Beinahe unheimlich. Zögernd nähern wir uns dem Dorfplatz. Die Hütten sind mit Bambus, Bananenblättern und Stauden angefertigt.

"Wie mitten im Urwald", meint Fredi lakonisch. Erstaunlich sauber alles. Kein Abfall, keine herumliegenden Fässer oder Bretter. In der Tat ein herausgeputztes Dorf. Zwischen den Häusern bemerken wir, wie uns überall vereinzelte Gesichter mustern. Dann erscheint ein einzelner alter Indio. Langsam aber bestimmt gehen wir auf ihn zu und begrüssen ihn so freundlich wie auch nur möglich. Es folgt ein freudiger Empfang. Aus den Häusern schwärmen die Bewohner wie Ameisen und bringen auf einen Schlag Leben ins ganze Dorf. In einer offenen Hütte dürfen wir unsere Hängematten aufspannen. Kinder bringen uns Bananen, Avocados, Papayas, Ananas und Mangos. Schon nach kurzer Zeit hat sich das ganze Dorf um uns versammelt und verfolgt unser Tun mit regem Interesse. Was wir auch in die Hand nehmen wird bewundert. Jetzt kommt der lange Ami natürlich voll ins Element. Seine verschiedenen raffinierten "Tramperhilfen" bilden die Hauptattraktion. Vor allem sein zusammenklappbarer Wasserkanister wird hier als Weltneuheit vom Mond beaugapfelt. Mein Gitarrenspiel begeistert vor allem die vielen Kinder.

Die Zeit zum Kochen ist gekommen. Nun, auch das sollte zur Attraktion aufblühen! Kochende Männer gibt es in der Welt dieser Indios nicht. Wir werden regelrecht genötigt, die Kochstelle im nächstgelegenen Haus zu benutzen. Frauen kichern, uns und unsere Pfannen umringend, unaufhörlich vor sich hin, ab und zu ihre Köpfe zusammenstreckend und unverständliche Laute flüsternd. Die kleinen Kinder sind nackt. Die Frauen tragen schöne, bunte Gewänder und Nasenringe. Es seien schon viele Gringos hier durchgekommen, erzählt uns der alte Indio, fünf oder sogar zehn in der letzten Trockenzeit! In Boca de Cupe waren es noch 150, jetzt also noch 10. Sind bis hierhin schon so viele ausgestiegen oder haben sie eine andere Route vorgezogen ? Eine andere Route? Nein, das gibt es nicht. Nur ein einziger Pfad führt durch diese Gegend nach Kolumbien und wir sind dabei, diesen abzuschreiten. Wir fragen, ob wir fotografieren dürfen. Etwas traurig, aber ohne zu drängen, respektieren wir die verneinende Antwort des Dorfältesten. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit packen wir alles Nötige zusammen, um morgen auch wirklich frühzeitig und vor allem vor der grossen Hitze aufbrechen zu können. Die Indios sprechen von 4 Stunden Fussmarsch bis nach Paya, andere wieder behaupten, es seien mindestens 6 bis 8 Stunden.

"Nur ein Weg führt Euch nach Paya," meint der Lehrer. "Ihr könntet euch verirren, denn oft ist der Weg nur schwer erkennbar. Auch vor den Tieren nehmt euch in acht, wenn ihr sie seht, dann ist es meist zu spät". Es gebe viele Jaguare in diesen Wäldern, warnen uns zwei Eingeborene und bieten gleichzeitig ihre Dienste als Führer an. Ob all den widersprüchlichen Aussagen beschliessen Fredi und ich, morgen auf eigene Faust loszuziehen. Nur so werden wir feststellen, wer recht hatte.

Der Lehrer erklärt uns den Weg und wo wir Furten über die Flüsse finden. Die Balken der offenen Hütte knarren uns in den Schlaf. Grillen zirpen, Vögel kreischen. Längst schon haben wir uns an die Geräuschkulisse des Urwalds gewöhnt.

Dasselbe Gezwitscher und Kreischen weckt uns noch in tiefster Dunkelheit am nächsten Morgen. Wir haben weder Kerzen noch Lampen, wozu auch. Versuchen, sich in verschiedenen Punkten der Natur anzupassen, ist gerade das Herrliche an dieser Lebensart. Ich bin mir sehr wohl Klaren, dass dies nur beschränkt möglich ist. Immer wieder spüre ich, wie verformt ich schon bin, und wie weit entfernt von den Idealen, die immer noch meine Träume füllen.

auf's Bild klicken zum VergrössernDie Hauptstrasse von Boca de Cupe

In Boca de Cupe werden wir sehr kühl aufgenommen.
Oft versuchen einzelne Einwohner an uns irgendwie ihren Unmut gegenüber Gringos auszulassen. Ob es den Fremden in der Schweiz so zu Mute ist wie uns hier?

auf's Bild klicken zum VergrössernUnterwegs von Boca de Cupe nach Pucuro

Die Fahrt von Boca de Cupe nach Pucuro ist abwechslungsreich und eindrücklich. Der Fluss wird immer enger.

auf's Bild klicken zum VergrössernDer Fulss wird immer seichter.

Der Fluss ist hier nicht mehr tief, weshalb auch keine Boote mit Aussenbordmotoren weiter als Boca de Cupe fahren können. Unser Einbaum ist gerammelt voll geladen

auf's Bild klicken zum VergrössernKleine Schnellen müssen wir zu Fuss durchwaten

auf's Bild klicken zum VergrössernKein leicht verdientes Geld für unsere Bootsführer

 

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Copywrite © 2004 Chris Forster