Durch die Darién Gap
Der abenteuerliche Weg nach Paya

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Drei Bananen und das letzte Stück Brot ergeben das Frühstück und dann marschieren wir los. Es ist 5 Uhr 30. Das Dorf ist auch am Erwachen. Am Dorfrand angelangt, führt der Weg mitten durch einen reissenden, 30 m breiten Fluss.

Das Wasser reicht uns bis über die Oberschenkel. Die Steine rollen lästig unter den Füssen weg. Eine äusserst mühsame Überquerung! Die Strömung drückt mit ihrer ganzen Kraft gegen unsere Beine, und wir können nicht mit ihr queren, sondern müssen, weil der Weg sinnigerweise genau gegenüber weiterführt, gegen sie waten. Wir sind in der Mitte angekommen, und da kommt auch schon ein Indio mit einem grossen Einbaum angestakt. Er bringt uns ans andere Ufer, ein Glück, denn auf der andern Seite ist der Fluss, bedingt durch die Biegung in seinem Lauf bedeutend tiefer. Etwa 1,50 m, der einsinkenden Stange nach zu schliessen. Noch drei weitere Male werden wir heute grosse Flüsse überqueren müssen. Dies wenigstens hat uns der Lehrer gesagt, als er in allen erdenklichen Details die Route erklärte. Nach wenigen Minuten Marsch sind wir mitten im Dunkel. Kaum ein Lichtstrahl durchdringt den dicken Urwald, der mächtig und unheimlich über und um uns herum wuchert. Lianen hangen an den dicken Bäumen. Farnkraut bedeckt den Boden. Stämme kreuz und quer. Ein kaum begangener Pfad, gerade genug Platz um die Füsse auf ihn zu stellen. Keinen Schritt könnte man nach links oder rechts abweichen. Wie eine Wand baut sich der Wald hier auf. Meine auf den Rucksack geschnallte Gitarre verfängt sich fortwährend in Ästen und Lianen. Bücken, kriechen, überklettern, durchzwängen. Eine Kampfbahn in Reinkultur! Rückwärts, seitwärts, wieder bücken, drehen, fluchen, schwitzen, schlagen, spucken, Schweiss auf der Stirne, Ungeziefer, Bäume, Feuchtigkeit, Dreck, Sumpf, Lehm, waten, hoffen, nachdenken, träumen, was noch? Warum? Wieso? Bis wann? Endlich!

Es war ein unverzeihlicher Fehler, ohne Buschmesser diesen Marsch anzutreten. Es gibt wirklich keine Möglichkeit, den Weg zu verlassen. Als Krönung des Tages müssen wir ihn sogar während etwa 200 m mit einem Ameisen Heer teilen. Aber nicht etwa so niedliche, wie wir sie von den sonntäglichen Spaziergängen durch unsere Wälder kennen. Keine Hans A. Traber Studioinsekten - nein - Riesenbiester. Rote. Tausende und Abertausende krabbeln auf diesem Pfad, und schon nach sehr kurzer Zeit an mein Beinen. Zuerst nur an den Hosen, bald aber auch finden sie den Weg unter die Kleider. Da hilft alles schütteln und reiben nichts. Hilflos klopfe ich was immer möglich von meinen Beinen. Ich spanne meine Muskeln so, dass sich der Stoff meiner ausgewaschenen Bluejeans spannt und ich die unangenehmen Mitbenützer meiner Hose zerquetschen kann. Plötzlich spüre ich ein scharfen Stich in meinem linken Mittelfinger. Erschreckt ziehe ich die Hand zurück. Eine kleine Spinne hat sich festgebissen. Ich schüttle sie ab und sauge das Blut aus der feinen Wunde. War es eine Giftspinne oder nicht? Es gibt Dutzende hier in diesen unendlichen Wäldern. Keine Ahnung was jetzt passiert. Ich bin froh, dass ich auch nach längerer Zeit nichts spüre, was auf eine Infektion hinweisen würde. So etwas hätte mir gerade noch gefehlt! Nach 1½ Stunden ereichen wir den zweiten Fluss. Unsere Hosen sind nass von den vielen Blättern, die wir streiften. Die Schuhe sind seit Tagen vollständig durchnässt und das Hemd ist feucht vom Schwitzen. Ich habe mir ein Halstuch um die Stirn gebunden, um zu verhindern, dass der Schweiss direkt in meine Augen oder auf meine Brille tropft. Trotzdem brennen mich die Augen unangenehm und die Gläser der Brille lauf unentwegt an.

Ich habe mir einen Stock zurecht geschlagen, an dem ich mich stützen kann. Die Wellen tanzen wild an mir vorüber. Mein Blick fixiert das andere Ufer. Da geht der Weg nicht weiter! Einfach nur Wald. Nichts. Immer wieder versuchen wir es von Neuem. Wir gehen einige hundert Mete zurück und treffen auf eine kleine Abzweigung. Die kann es nicht sein denn das ist im besten Fall ein Wildwechsel. Erneut waten wir durch den Fluss. Auf einmal, wie aus dem Nichts, erscheinen zwei Eingeborene. Beide tragen alte Gewehre mit sich und führen einen Kolumbianer nach Paya. Sie bieten uns erneut ihre Führerdienste an, doch wollen die für jeden, den sie durch den Dschungel schleppen, eine hohe Summe, so quasi ohne Gruppentarif. Dies entbehrt leider völlig meiner persönlichen Logik, da es für die beiden nämlich überhaupt nicht darauf ankommt, wie viele Leute hinter ihnen durch den Busch zotteln. Kurzes beidseitiges Fluchen und einige Bemerkungen wie "sie seien schon zivilisiert" beenden das Treffen.

Wir wissen jetzt wohl wo's lang geht, nicht aber wie weit. Die beiden Jäger müssen wohl oder übel mit dem Einzelgast zum Minimaltarif weiterziehen. Für beide Teile unbefriedigend, dafür aber beiden Mentalitäten bestens entsprechend: unsere "billigst reisen Mentalität" und ihre "Bananen Staaten Mentalität“.

Spätestens hier werden alle Pseudo-Entwicklungshelfer verachtend diesen Bericht zur Seite legen, was mich aber nicht davor abhalten wird, noch weiter von unserer Reise zu berichten.

Der Boden ist glitschig und schwer. Wir kreuzen Bäche, denen wir schon gar keine Beachtung mehr schenken. Das Gelände präsentiert sich hügelig und anstrengend. Wohl scheint die Sonne nicht direkt auf uns, doch ist die Luft drückend heiss und feucht. Wann wird sich das wohl alles entladen? Wir spüren förmlich, wie sich ein Gewitter zusammenbraut.

Die dritte Flussüberquerung bietet keinerlei Probleme. Auch den Platz finden wir auf der anderen Seite mühelos. Wir schalten eine Rast ein. Oft finden wir wilde Früchte entlang unserem Weg. Sie bilden eine willkommene Zwischenverpflegung und helfen manchmal auch unseren schwer zu löschenden Durst zu stillen.

Noch während wir uns verpflegen, tauchen unsere geliebten Freunde aus Nah und Fern auf. Der Holländer zuvorderst, der Kanadier in der Mitte und zuhinterst, mit etwa zwanzig Metern Abstand, unser Ami. Die drei haben einen Führer angeheuert, allerdings nur bis zur Mitte, aus Kostengründen versteht sich. Und eben hier wäre diese Mitte. Die drei sind schon jetzt total auf den Felgen.

Für kurze Zeit sind wir wieder beisammen, dann aber können die drei unser vorgegebenes Tempo nicht mehr halten und beschliessen, öfters mal Pausen einzuschalten. Aber auch mir geht mit der Zeit der "Dampf" aus. Es ist inzwischen schier unerträglich heiss geworden. Ich muss mich zusammenreissen, um den eingeschlagenen Marschrhythmus beizubehalten. Es folgt die vierte Überquerung, die noch harmloser ist als die dritte. Nur einige Zentimeter über die Knie reicht das Wasser.

Immer wieder zerren teuflisch steile Steigungen an unseren angeschlagenen Kräften.

Ich habe schon seit Tagen keine Socken mehr an meinen Füssen. Entsprechend sehen sie denn auch aus, meine Füsse. Runzelig weiss mit schwarzen Zehen. Langsam bilden sich Blasen, was mich doch etwas beunruhigt, denn damit erhöht sich die Infektionsgefahr erheblich. Die Innensohle meines linken Stiefels hat sich gelöst und so stehe ich wohl oder übel mit meinem linken Fuss auf den blossen Nägeln. Ein herrliches Gefühl! So wohl muss es den Pilgern zu Mute gewesen sein. Seit dem frühen Morgen habe ich das Vergnügen, vorauszugehen und somit alles, sämtliche Spinnfäden mit meinem Körper, am merklichsten aber mit mein Gesicht, aus dem Weg zu räumen. Hunderte von Insekten und Viecher klammern sich an meine Arme, Hosen, Hemd oder umschwirren meinen Kopf. Das ewige Anlaufen meiner Brille macht mich halb wahnsinnig.

Bald hören wir die ersten Donner rollen. Kurz darauf auch die ersten Blitze. Hoffentlich schaffen wir es bis nach Paya bevor es zu Regnen beginnt. Es war ja nur eine Hoffnung, denn schon nach wenigen Minuten fallen die ersten schweren Tropfen durch das anfänglich gut schützende Urwalddach. Es reicht gerade noch um den Rucksack zu decken und da giesst es aus allen Rohren. Immer mehr und immer heftiger. Wie wenn die Feuerwehr mit Schläuchen spritzen würde. Alles wird nass. Selbst die Plastiksäcken verpackten Materialien werden feucht. Mein Pass steckt meiner Brusttasche und saugt sich voll wie ein Schwamm. Das Wasser strömt trotz Regenschutz an mir herunter. Wie unter einer Dusche. Keine Körperstelle bleibt trocken. Durch meine Brille kann ich beinahe gar nichts mehr sehen. In kürzester Zeit verwandelt sich unser Pfad in eine Schlamm und Sumpfrinne. Das Wasser fliesst je nach dem gegen oder mit uns. Die bis anhin trockenen Quertälchen führen auf einmal Wasser. Je weiter wir marschieren, desto tiefer wird der Morast. Immer reissender werden die Bäche, die wie aus dem Nichts entstanden sind. Schon reichen sie uns bis zu den Hüften. Weit und breit keine Spur von Paya. Immer noch die gleichen Wegbedingungen wie am Anfang. Bücken, drehen, kriechen, zwängen. Das braucht Kraft und Nerven. Überall Wasser, wo immer wir hinsehen. Endlos scheint der Wald. Ich habe Durst und kann ich stillen, indem ich die Hände zu einem Becken forme. In kürzester Zeit sind sie voll. Es schüttet. Und wie es schüttet!

Auf einmal steigt in mir das Gefühl auf, wir könnten das Dorf irgendwie verpasst haben. Mist! Ich knoble vor mich hin, fluche und schimpfe, verurteile meinen Entschluss, die Darién durchqueren zu wollen, suche das Faszinierende daran und kann es beim besten Willen nicht finden.

Paya

Plötzlich stehen wir vor einigen Hütten. Paya.

Wir sind froh. Der Empfang ist kühl. Die beiden Eingeborenen haben schlecht von uns berichtet. Die Guardia taucht auf und offeriert uns eine Liegestelle in ihrer Station, vorausgesetzt, wir können den Fluss überqueren. Wir begeben uns auf den Weg und durchwaten dabei erneut tiefste Bäche. Den Rucksack auf dem Kopf tragend, reicht uns das Wasser bis zu den Schultern. Ein mulmiges Gefühl! Den grossen Fluss können wir leider nicht durchqueren. Er reisst bedrohlich und mit unserer Ausrüstung ist da nichts zu machen. Unserem Gastgeber bleibt nicht anderes übrig, als sich zu verabschieden. Er durchschwimmt den reissenden Fluss, während wir wohl in einer kleinen Bananenhütte am Dorfrand unsere Hängematten aufspannen. Wir beobachten, wie der Guardia etwa 50 Meter weiter oben in die Fluten steigt und kurz darauf verzweifelt in den braunen Massen strampelnd, an uns vorbeigespült wird. Etwas weiter unten erreicht er schliesslich das gegenüberliegende Ufer.

Es dauert eine schöne Weile bis wir uns von den Geschehnissen der letzten Stunden erholt haben. Endlich gelingt es Fredi, ein Feuer zu entfachen. Wir rösten einige herumliegende Bananen. Das Feuer wärmt und wir trocknen alles, was uns gerade in die Finger kommt. Sinnigerweise zuerst unsere Pässe. Vorsichtig legen wir uns dann in die Hängematten und sind froh, dass die kleine lottrige Hütte der Belastung Stand hält. Die gewohnten Urwaldgeräusche werden durch ein lautes Froschkonzert ergänzt. Was für ein Tag!

An ein Durchwaten des Flusses ist auch am folgenden Morgen nicht zu denken. Wir bereiten uns ein einfaches Frühstück zu und da erscheint Tim, der Kanadier bei uns im Lager. Die drei haben im Dorf übernachtet und konnten jetzt ein Boot organisieren. Es wird uns ans andere Ufer bringen. Sofort machen wir uns auf den Weg ins Dorf. Auch der Kolumbianer von gestern konnte seinen Weg noch nicht fortsetzen.

Die Überfahrt soll drei Dollars kosten. Sollen wir diesen Kolumbianer, der gestern alle Eingeborenen, vor allem aber die beiden Führer, gegen uns aufgehetzt hatte, auch in unserem Boot hinüber transportieren? Er hat keinen Cent mehr.

Nachdem wir von einer freundlichen Familie Trinkwasser und Bananen mit auf den Weg gekriegt haben, besteigen wir den Einbaum und schon geht's ab durch die Fluten. Etwa 500 Meter flussaufwärts geht der Weg weiter. Den Kolumbianer haben wir mitgenommen, jedoch erst als wir ihm unsere Meinung über seine Art klar und unmissverständlich kundgetan haben.

auf's Bild klicken zum VergrössernDen ersten Fluss überqueren wir in der Morgendämmerung

Am frühen Morgen brechen wir von Pucuro auf. Schon nach wenigen Metern treffen wir auf den ersten Fluss, den es zu durchwaten gilt.

auf's Bild klicken zum VergrössernNoch wenige Meter und fredi hat eine weitere Flussüberquerung geschafft.

Die Steine unter unseren Füssen sind glitschig. Fredi sucht ver-zweifelt den Weg.

auf's Bild klicken zum VergrössernRast unter einem Urwaldriesen.

Oft finden wir wilde Früchte entlang unserem Weg. Sie bilden eine willkommene Zwischenver-pflegung und helfen manchmal auch unseren schwer zu löschenden Durst zu stillen.

auf's Bild klicken zum VergrössernInzwischen wurde der Fluss zum Bach.

Je weiter wir marschieren, desto leichter werden die Flussüberque-rungen.

auf's Bild klicken zum VergrössernDie Hütten von Paya

Paya, ein unscheinbares, natürli-ches Dorf mitten im riesigen Urwald von Panama.

 

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Copywrite © 2004 Chris Forster