Durch die Darién Gap
Marsch nach El Esfuerzo

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Der Weg verliert sich in lockerem Unterholz, und schon bald haben wir ihn verloren. Mühsames Suchen bringt uns wieder zurück und in zügigem Tempo marschieren wir in Richtung Palo de las Letras.

Nach vier quälenden Stunden erreichen wir die den Stein, der Grenze zwischen Panama und Kolumbien markiert: Palo de las Letras. Wohl ein moralischer Aufsteller, aber noch sind es Tage bis ans Ziel. "Falta mucho todavía", meint der Kolumbianer lakonisch.

Die Pause in Palo de las Letras dehnen wir aus, denn schon seit einiger Zeit sind wir wieder auf den Felgen. Dan, der Amerikaner, hatte ja, wie schon früher erwähnt, seine ganze Zivilisation mit durch den Urwald getragen. Ich muss jedoch zugeben, dass ich nun froh bin, ob den feinen amerikanischen Bonbons, die er zur Feier des Grenzübertritts verteilt. Dem Kolumbianer wird die Pause zu lang. Er tappt alleine weiter, während wir noch einige wilde Avocados und Mangos geniessen.

Mit gemischten Gefühlen stampfen wir weiter, wohl wissend, dass wir nur noch mit etwa 2 Stunden Tageslicht rechnen können. Bis nach El Esfuerzo wird es sicherlich nicht reichen! Der Weg ist jetzt etwas besser begehbar als gestern, obwohl das Terrain auch heute glitschig und schwer ist.

Wir erreichen einen breiten, momentan aber ziemlich wasserarmen Bach. Der Weg führt direkt über einen umgestürzten Baum. Einige Bananenblätter stehen so zusammengebunden, dass sie ein angenehmes Dach bilden. Diesen Platz  haben wohl andere auch schon als Lager benutzt. Wir beschliessen, Schlangen und Insekten hin oder her, hier unser Nachtlager aufzuschlagen und unter diesen Stauden zu schlafen. Sicher werden wir auch heute mit reichlich Regen beschert. Noch bleibt einwenig Zeit, uns wieder einmal richtig in Stand zu stellen. Das Wasser des Baches ist klar und mit Genuss wasche ich alles, was ich an mir waschen kann. Herrlich, wieder einmal die Seife in vollen Zügen nützen zu können!

"In the middle of fucking nowhere!" Immer wieder unterhält uns unser amerikanischer Freund mit derartigen Feststellungen.

Kurz nach Einnachten setzt der obligate Regen ein. Stark, doch schüttet es nicht so wie gestern. Wir bleiben mehr oder weniger trocken. Ein ungewohntes Vergnügen, mit frisch gewaschenen Kleidern und vollem Magen im Trockenen zu liegen. Der Urwald ist unheimlich. Die Tiere geben eigenartige Laute von sich, fauchen, quietschen, zirpen und krähen; undefinierbare Geräusche. Mal in nächster Nähe, dann wieder etwas weiter entfernt. Wir hören wie die Tiere am Bach ihre Wasserstellen suchen. Die Nacht ist stockdunkel. Ich bin auch schon gelöster eingeschlafen als heute. Die Spannung des Ungewissen hat mich in letzter Zeit oft beschäftigt. Ich schlafe genug, um für einen weiteren Tag Kraft zu sammeln.

Am Morgen sind alle noch da. Keiner wurde gefressen. Es war ein weiser Entschluss, die Nacht unter diesen Stauden zu verbringen, denn heute sinken wir mit jedem Schritt bis über die Knöchel in den Morast. Der Pfad ist schlammig und schlecht begehbar. Kein Wunder, wer quert schon zu Fuss von Panama nach Kolumbien? Warum auch?

Wir hätten es nie bis nach Ei Esfuerzo geschafft! Nur dank meinem Schuhwerk verbringe ich nicht den halben Tag auf meinem Hintern, sondern kann auf meinen Füssen bleiben, obwohl die verschiedenen ungewollten Pirouetten und Doppelaxel erheblich Kraft kosten. Achtmal müssen wir den gleichen Fluss überqueren, um so die grossen Schlaufen, die er durch den Dschungel zieht, abzuschneiden. Wir beachten unsere durchnässten Schuhe nicht mehr. Hauptsache, wir können uns ab und zu setzen und ausruhen. Jede Pause ist willkommen.

In wenigen Minuten erlerne ich den ganzen holländischen und amerikanischen Kraftwortschatz, und muss mich arg zusammenreissen, um nicht auf schweizerdeutsch in den Kanon einzustimmen. Ich begreife den Unmut meiner Begleiter, denn mit ihren Turnschuhen sind sie wirklich schlecht bedient. Bald sind wir alle zu müde, um überhaupt noch zu fluchen. Wir stolpern einfach den Pfad entlang. Nur noch unregelmässiges Pflatschen und Glucksen der Schuhe im Sumpf. Und immer noch heisst es bücken, drehen, aufstehen, Insekten, durchhalten, kämpfen, schwitzen, hängen bleiben, ducken, stechen, brennen, aufwärts, runter, rückwärts, nasse Füsse, Wolf, nasse Hosen, nasse Hemden, Dreck überall, im Gesicht, an den Armen, auf der Brille. Während der letzten drei Marschstunden durchwanderten meine Gedanken mein halbes Leben. Mit allen möglichen Situationen versuche ich Vergleiche anzustellen. Ich durchlaufe die Rekrutenschule, die Härtetests und Überlebensübungen. Kindereien und harmlose Spiele im Vergleich mit den jetzigen Strapazen. Im Militärdienst konnte man sich immer auf den Samstag freuen, wohl wissend, dass dann der „Türk“ abgebrochen wurde. Hier jedoch geht es einfach so lange weiter, bis wieder in der Zivilisation zurück sind. Das kann noch Tage dauern. Hätte mich jemand zu diesem Unternehmen gezwungen, ihm wären meine Flüche und mein Gesacker sicher gewesen. Mal bin ich in einem kalten Schneebiwak und gleich darnach am Aconcagua, dann wieder bei meiner Freundin. Die Gedankensprünge frustrieren, je schneller sie an mir überziehen. Ich versuche, mich abzulenken, ohne Erfolg. Immer wieder derselbe Trott. Gedankensprünge um die ganze Welt, von der Südsee nach Alaska und zurück an die Karibik. Warum lege ich mir eigentlich solche Hindernisse in den Weg? Ich könnte doch ganz gemütlich zu Hause hinter einem Schreibtisch sitzen. Oder etwa doch nicht? Meine Schreibtischleistung hängt zum grossen Teil von der inneren Zufriedenheit ab. Doch Zufriedenheit kann ich nur durch eine gewisse Selbstbestätigung erlangen. Ich muss nichtalltägliche Dinge anpacken, Dinge, die mich fordern, die mir zeigen, was für Zwerge wir alle sind. Wir können Raumschiffe Weltall entsenden, unsere tiefste menschliche Eigenart bleibt aber den meisten für immer verborgen, sogar einem selbst. Liegt nicht gerade darin der Sinn der Existenz. Müssten wir überhaupt noch einen Willen zum Leben bekunden, wenn wir alles wüssten und tun könnten. Gibt nicht der Unterschied zwischen Menschen und Rassen ein Ansporn zum Leben? Um über etwas urteilen zu können, muss man es durchgemacht haben.

Wir sind total fertig wie wir in EI Esfuerzo ankommen. Der gebirgig hügelige Urwald der kolumbianischen Darién hat uns geschafft. Der Ami liegt kreidebleich auf dem Boden. Fredi und mir geht es, will man Vergleiche anstellen, noch recht gut.

Trotz der Eintönigkeit und Anstrengung gab es immer wieder Kleinigkeiten die mich erfreuten, zum Beispiel die vielen prachtvollen Blumen und Blüten entlang der Strecke. Grosse, blau schimmernde Morpho Schmetterling entzückten uns mit ihrem Tanz und begleiteten uns jeweils während einigen Metern.  Einige waren so gross wie meine Hände.

Die vielen kleinen Echsen, die gut getarnt an den Bäumen klebten und vielen schmarotzenden Pflanzen , die sich nach Licht ringend, um Urwaldriesen wickelten. Spinnen mit gelbschwarz gestreiften Beinen, die bei ihren Netzen auf Beute warteten. Gewächse, die wir zu Hause Töpfen und beim Gärtner sehen. Einmal habe ich versucht sie zu zählen. Es waren mehr als hundert verschiedene Pflanzen, die ich von meinem Rastplatz aus sehen konnte. Wie fremd ist uns doch diese Umwelt und wie faszinierend müsste es sein, sie zu kennen und sinnvoll nützen zu können.

El Esfuerzo

El Esfuerzo - das tönt so nach Dorf -, ist aber in Tat und Wahrheit lediglich eine Hütte. Wir sind froh, dass die Bewohner, zwei schwarze Frauen mit einem kleinen Kind gestatten, unsere Hängematten hier aufzuhängen. Kaufen können wir nichts. Nicht einmal Bananen. So knabbern wir am spärlich übrig gebliebenen Vorrat unserer Reise. Der Zucker ist ausgegangen, der Reis ist feucht und das wenige Salz ebenfalls nass.

Eigenartig, wie schnell die Stimmung in Menschen umschlagen kann. Niemand hat sich bis heute über die Verpflegung beklagt. Jetzt auf einmal ruft der Holländer aus wie ein Wald voller Affen. Es hat ihm total ausgehängt, völlig übergeschnappt. Bald sind wir alle am Ausrufen. Beschimpfen einander und verlieren unsere Selbstbeherrschung voll und ganz. Trotz allem geht der Tag zu Ende. Morgen werden wir mit einem Einbaum nach Vijado fahren, sofern überhaupt jemand nach Vijado paddelt und der geforderte Fahrpreis stimmt.

auf's Bild klicken zum VergrössernRast im Grünen.

Wir sind erst wenige Stunden von Paya entfernt, und doch steht uns die Müdigkeit jetzt schon in den Gesichtern geschrieben.

auf's Bild klicken zum VergrössernPalo de la Letras: Die Grenze zwischen Panama und Kolumbien.

Palo de las Letras:
Die Grenze zwischen Panama und Kolumbien. Wohl ein moralischer Aufsteller, aber es sind noch Tage bis ans Ziel.

auf's Bild klicken zum VergrössernWir bereiten uns auf die Nacht vor.

Ein umgestürzter Baum, ein Fluss, zwei Unterstände. Ein idealer Lagerplatz. Genau genommen wäre hier ja eigentlich die Brücke der Panamerikana - auch "Traum-strasse der Welt" genannt. (In diesem Teil wohl eher "Alptraum-strasse")

In the middle of fucking nowhere.

"In the middle of fucking nowhere"

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Der Pfad ist schmal und un-scheinbar, schlammig und schlecht begehbar. Kein Wunder, wer geht schon zu Fuss von Panama nach Kolumbien. Warum auch?

auf's Bild klicken zum VergrössernDie Romanze täuscht. Der Marsch zeigt uns Grenzen.

Wir beachten die durchnässten Schuhe nicht mehr. Hauptsache, wir können uns setzen und aus-ruhen. Jede Pause ist willkom-men.

auf's Bild klicken zum VergrössernAcht Mal queren wir den Cacarica.

Fluss um Fluss durchschreiten wir. Den Cacarica am gleichen Tag sage und schreibe acht Mal.

auf's Bild klicken zum VergrössernOb diese Riesenschlange gefährlich ist?

Unscheinbar und trotzdem unheimlich lauern oft versteckte Gefahren. Wie gefährlich ist wohl diese Riesenschlange?

auf's Bild klicken zum VergrössernEine der vielen Heliconias.

Zauberhaft sind die vielen Pflan-zen und Blumen, die wir entlang unserer Reise entdecken.

auf's Bild klicken zum VergrössernEl Esfuerzo: Nichts weiter als eine Hütte.

El Esfuerzo:
Das tönt so nach Dorf, ist aber in Tat und Wahrheit lediglich eine Hütte.
 

 

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Copywrite © 2004 Chris Forster