Durch die Darién Gap
Auf nach Turbito und Turbo

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Am Flussufer steht bereits ein mit Bananen und Mais beladenes Boot bereit. Wir setzen uns auf die Fracht und dann geht es los. Durch einen typischen Sumpfurwald. Begreiflich, dass wir hier gestern nicht fahren konnten. Der Fluss ist schmal und verzweigt sich alle paar Meter.

Baumstämme liegen kreuz und quer und unser Bootsmann beweist beim Manövrieren seines Einbaums durch die vielen heiklen Engpässe viel Geschick. Vor einer kleinen, von umgestürzten Bäumen verursachten  Schnelle, müssen wir in ein Boot zweier uns begleitender Jäger umsteigen. Wir sind dankbar, dass wir an solch kritischen Stellen auf ihre Hilfe zählen können. Sie jagen vor allem Affen, haben keine Ladung und sind so mit ihrem Einbaum sehr viel wendiger als wir in unserem überfüllten Gefährt. Fredi versucht, die Schnelle zu Fuss zu umgehen, versinkt aber bis zum Bauch im Sumpf, obwohl er auf Stämmen steht. Beim Passieren füllt sich unser Einbaum mit Wasser - doch läuft alles glimpflich ab.

Schlangen hängen von den Bäumen. Affen lassen ihre Liebesrufe durch den Wald schallen. Es sind wirklich herrliche drei Stunden, die wir in diesem wackeligen Einbaum verbringen, obwohl es mir, wie bereits erwähnt, seit gestern wieder merklich schlechter geht. Ich scheine alle meine Kräfte langsam, aber unaufhaltsam zu verlieren.

Wie der Fluss tiefer wird, erreichen wir ein grösseres Boot, das an einen Baum gebunden ist. Ein Ufer ist nicht zu erkennen. Sämtliche Waren werden hier umgeladen. Ein aufgeregtes Treiben. Wir treffen einen Panameño, der auch nach Turbo will. Mich wundert es schon, was sich Behörden in diesen Ländern eigentlich denken. Europäer müssen bei der Einreise Geld und Ausreisebillette vorweisen. Hier aber herrscht reger Grenzverkehr, ohne jegliche Kontrolle. Der Typ aus Panama besitzt keinen Cent mehr. Es scheint hier Mode zu sein, ohne Geld zu reisen. Die "Billigreisenden" haben demnach auch in diesen Ländern Fuss gefasst. Aber es ist für mich schon stossend, wie Gringos von den Einreisebeamten behandelt werden. Aber eben, man ist sich dessen schon bewusst, wenn man seine Heimat verlässt.

Doch nun sitzen wir gut gepolstert auf Maissäcken und Bananen. Das Boot, welches uns durch das riesige mit Seerosen und Schilf überwachsene Sumpfgebiet bringt, ist nicht nur grösser sondern auch mit einem starken Aussenbordmotor versehen. Trotzdem ist es so beladen, dass die Grenze der Leistung erreicht wird.

Das Wasser ist dunkelbraun bis schwarz und vollständig mit Pflanzen bedeckt. Man sieht keine Flussrichtung mehr. Soweit das Auge reicht nur noch eine grosse Ebene. Immer wieder verfangen sich Gewächse in der Schiffsschraube. Fluchendes Gemurmel der beiden Eingeborenen, die mit einigen Handgriffen den Schaden beheben und weiter geht' s. Vor uns paddelt ein Schwarzer in einem halb zerfallenen Einbaum seine Frau mit einem Kleinkind und wenigen Marktgütern durch den Sumpf. Wir überholen das Gefährt in sicherem Abstand. Plötzlich, wir sind etwa 100 Meter weiter, beginnt die Frau Zeter Mordio zu schreien. Eine Wand des Einbaums ist durchgebrochen. Der Alte liegt im Wasser, das Boot sinkt langsam unter die Oberfläche. Umkehren ist nicht möglich, beschränkt können wir rückwärts fahren. Aber das geht langsam, verdammt langsam. Da reisst sich ein Begleiter die Kleider vom Leib und springt in die Pflanzen. Mühsam, aber dennoch schneller als das Boot nähert er dem sinkenden Einbaum. Noch immer schlägt die Indiofrau hilflos und zweifelt ihre Hände über dem Kopf zusammen. Endlich erreichen wir den Einbaum und ziehen die total verstörte Frau mit ihrem Kind in unser Boot. Auch der Indio klettert an Bord und dankt Gott. Wahrhaftig, der richtige Moment dem zu danken. Die drei haben ein unwahrscheinliches Glück gehabt. Tage, ja manchmal Wochen kommen hier keine Boote durch. Zufall? In solchen Momenten kann ich einfach nicht an Zufall glauben.

Endlich wird der Fluss übersichtlich. In der flachen Landschaft tummeln sich verschiedenste Vogelarten. Trotzdem geniessen wir die Fahrt nicht mehr sondern sind lediglich froh, dass das Ende greifbar wird.

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreichen wir eine kleine Siedlung. Die Eingeborenen nennen sie Turbito. Der Ort ist widerlich, schmutzig und verlottert. Dreck und Abfall, wo immer man auch hinsieht. Kaputte Kanus sind mit Wasser voll gelaufen. Kurz bevor wir hier angekommen sind, hat der obligate Regen eingesetzt. Jetzt plätschert es regelmässig aber heftig. In einer Schreinerwerkstatt durften wir unser Lager aufschlagen. Die Bootsmänner liessen sich bei Bekannten und Freunden nieder. Der Boden vor den Häusern ist schlammig, teilweise mit Gehbrettern bedeckt. Über den Fluss ist eine Art Plattform gebaut. Darauf ein kleiner Aufbau ohne Dach. Eine Aussparung ermöglicht den freien Blick auf den Fluss. Es handelt sich wohl um die Toilette. Ich fühle mich jetzt total schwach und kann auch kaum mehr stehen ohne mich festzuhalten. Meine Glieder sind völlig verkrampft. Aber ich muss auf dieses WC, so sehr es mich auch anwidert. Ich spüre meinen Durchfall. Das WC gibt mir den Rest. Fische springen wild nach meinem Exkrementen und nach dem Papier. Ich muss mich übergeben, obgleich  nichts da ist, was ich erbrechen könnte. Nur ein scheussliches Würgen plagt mich. Die Nacht wird entsprechend schrecklich. Ich schwitze und träume von diesen Fischen. Dabei erwache ich oft und erneut würgt es mich im Hals.

Dann endlich kommt der Morgen. Ich bin nicht mehr bei der Sache. Der einzige Aufsteller ist eigentlich nur das Timing. Um 6 Uhr früh wollten wir losfahren. Um 5. 45 Uhr sind alle bereit und ab geht's. Wirklich sagenhaft. Zu früh, das gibt's wohl gar nicht. Wir überfahren den Meerbusen von Turbo und erreichen das Städtchen nach gut zwei Stunden. Endlich! Wir sind zurück in der Zivilisation: Dreck, Schmutz, matschige Staubstrassen, widerlicher Gestank aus offenen Abwasserkanäle und scherblige Musik aus Bars zu unserem Empfang. Eine letzte Diskussion um den Fahrpreis. Dann ist alles vorbei. Was bleibt ist die Erinnerung. Wir haben es geschafft. Es wurde auch höchste Zeit!

auf's Bild klicken zum VergrössernEs erfordert viel Geschick, die Kanus zwischen den Bäumen hindurch zu zirkeln.

Die Fahrt von Vijado nach Turbito führt zuerst durch überschwem-mtes Gebiet. Das Manövrieren der langen, bis zum Äussersten beladenen Kanus durch die engen Passagen und zwischen den gefallenen Bäumen hindurch erfordert von den Bootsführern viel Geschick, Kraft und Erfahrung, und von den Passagieren eine kräftige Portion Nervenstärke.

Die ganze Gegend steht unter Wasser

auf's Bild klicken zum VergrössernAlleine wären wir hier hoffnunglos verloren.

auf's Bild klicken zum VergrössernEin wesentlich bequemeres Boot.

Das Boot, welches uns durch das riesige mit Seerosen und Schilf überwachsene Sumpfgebiet bringt ist grösser und mit einem kräftigen Aussenbordmotor aus-gestattet.

auf's Bild klicken zum VergrössernEndlich wird der Fluss übersichtlicher.

Der Fluss wird übersichtlicher.

auf's Bild klicken zum VergrössernTurbo: Geschafft!

Turbo: endlich!

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